Bin ich gut, schlecht oder etwas dazwischen?

Der Geruch von Eisen hing in der Luft. Gepaart mit einer süßlichen Note Unschuld. Ich fühlte wie meine Mundwinkel nach oben wanderten. Freude kam in mir auf. Dieser Moment war so intensiv, dass ich am liebsten angefangen hätte zu weinen. Draußen wurde es bereits dunkel. Ein letzter Sonnenstrahl fiel in mein Zimmer. Ein üblicher Abend im September. In meinem üblichen Leben. Ich wendete mich ab, weil ich mitten in meinen Gedanken geblendet wurde. Es war ein überraschendes und unerwartetes Blenden. Da stand er.

Wie ist das möglich? Das gleiche Haar, die gleichen Züge. „Träume ich?“, flüsterte ich in mich hinein. „Was willst du von mir?“, fragte ich in einer Lautstärke, dass der Wind die Frage hätte übertönen können. Doch mein Hals fühlte sich an als hätte ich stundenlang aus Leibeskräften geschrien.

Etwas verzögert neigte er den Kopf zur Seite ohne Worte erklingen zu lassen. Ich wollte auf ihn zulaufen aber aus irgendeinem Grund schmerzte mein Bein. Ich war tot. Das war die einzig logische Erklärung. Wie sonst konnte ich selbst in kindlicher Form vor mir stehen mit einem fragenden Gesichtsausdruck. Mir schossen mehr Fragen durch den Kopf als es je Antworten geben werde. Mehr Fragen als sie ein Mensch in nur einem Leben alle beantwortet bekäme.

„Hast du noch Angst?“, wollte das Kind von mir wissen.Nüchtern hallte diese Frage in meinem Inneren und schien den Ort niemals verlassen zu wollen. Nie davor kam mir eine Frage so wissbegierig und zugleich beantwortet vor. „Nur, wenn ich allein bin und es dunkel wird“, rutschte der Satz scheinbar automatisch heraus.  „Hatten wir sie damals nicht besiegt?“ Als sie uns liebte wie es nie eine Mutter tun sollte. „Haben wir nicht gekämpft um ihr zu zeigen, dass sie uns nicht brechen – nicht zerstören kann?“ Als sie nachts immer und immer wieder ins Zimmer kam hatten wir uns doch geschworen stärker zu sein als sie.“ Wie ein Weckruf nach zu wenig Schlaf trafen mich diese Worte.

Meine Gedanken wurden klarer. Ich wusste woher die Freude in mir kam. Ich lebte. Ich war noch in der Lage zu fühlen. Als ich an mir hinuntersah, konnte ich sehen wie Blut über mein Bein tanzte während es der Schwerkraft erlegen war. Tränen verschleierten meine Sicht. Schmerz zog in mir auf. Ich fühlte!

Mein kleines Ich griff nach dem Messer in meiner Hand. „Mit Messern spielt man nicht“, sagte es in dem lehrenden Ton eines Erwachsenen. „Hätte dich die Klinge nicht geblendet, müsstest du auch nicht weinen“, klang er rügend. „Es ist doch dunkel“, entgegnete ich mit der sachlichen Naivität eines Elternteils. „Ja, aber morgen beginnt schon ein neuer Tag“, schmunzelte er.

Den Preis für das Vergessen

Da stand ich nun in der Finsternis. Es ward kalt und feucht gar menschenleer.

Eine Träne saß am Wegesrand einsam und in sich gekümmert. Ich ging auf sie zu und fragte ohne all zu großes Interesse: „Was ist los mit dir, hier gehörst du doch nicht hin?“

Ohne Antwort wandte sie sich ab.

Abermals stellte ich die Frage und baute mich erneut vor ihr auf: „Was ist los mit dir, hier gehörst du doch nicht hin?“

Sie lief vor mir weg. Scheinbar zielstrebig in den Wald der meine Seele ward. Mit schnellem Gang folgte ich ihr. Dabei schlug mein Herz so stark, dass ich die Stille um mich kaum hörte.

Immer dichter wurde die Umgebung. Nach gefühlten Jahren blieb ich stehen. Verloren hatte ich sie. Die Träne. Diese kaum auffallende Träne.

Orientierungslos schloss ich die Augen. Es brach ein Zweig und ich schrak auf. Ohne zögern folgte ich dem Laut. Da erblickte ich sie – die Träne. Ich ergriff sie und wiederholte meine Frage: „Was ist los mit dir, hier gehörst du doch nicht hin?“ Die Frage schien an ihr abzuprallen und sie riss sich los. Floh vor mir mit großen Schritten.

Ich rannte los und war etwa drei Atemzüge hinter ihr. Auf einmal blieb sie grundlos stehen. Vor Schreck tat ich ihr sofort gleich. Kaum hörbar und außer Atem wiederholte ich nochmals die Frage: „Was ist los mit dir, hier gehörst du doch nicht hin?“

Sie drehte sich zu mir und ich sah den Grund für den raschen Halt. Sie löste sich auf stück für stück. Hinter ihr stieg Nebel auf. Silhouetten von schwarzen Kreisen, einem Hasenbau gleich, zeichneten sich in dem Nebel ab.

„Was mit mir los ist!“ schrie die Träne und klang verzweifelt. „Siehe auf dem Boden die Kreise – sie waren alle meine Brüder und Schwestern. Von dir skrupellos vergossen. Die Zeit des Vergessens hat sie dahin gerafft. Wo sollten sie auch hin, nach dem sie ihr einziges Zuhause verloren hatten? Nachdem sie dich verloren hatten? Nach dem du uns verstoßen hast? Dies Schicksal ergreift nun auch mein Dasein, da dir der Grund für mein vergießen wohl gänzlich ist entfallen.“ Dies waren ihre Worte bevor der Nebel sie in sich zog.

Da stand ich nun in dem Wald den ich meine Seele nannte – der von den Narben aller vergossener Tränen gezeichnet war – die ich alle vergaß. In diesem kalten, feuchten Wald.

Spaziergang mit dem Tod

Und da saß ich nun. An dem alten, braunen nach Erinnerungen duftenden Tisch. Der da immer stand. An dem ich immer saß.

In dem Zimmer das ich fast besser kannte als mich selbst. Mit dem kleinen Sprossen-Fenster, der Leselampe in der staubigen Nische und dem Bücherregal mit all den vergilbten Exemplaren, die veranschaulichten, dass ich schon lange auf dieser Welt war.
Gelesen habe ich jedes einzelne. Einige von ihnen mehrere Male.
Sonst hatte ich ja kaum eine Beschäftigung. Gespräche führte ich nur selten und wenn waren es Monologe voller Melancholie.

Mit wem konnte ich auch noch reden – als 92 jähriger Greis dessen Freunde und Bekannte bereits alle verstorben sind und der seit seiner Geburt im Rollstuhl sitzt?

Ein dumpfes Klopfen an der Tür sagte mir, dass der Milchjunge kam. Es war wohl Dienstag. Er kam jeden Dienstag. Auch diesen Dienstag.
Nach einer Stunde oder zwei vielleicht auch nach einem Tag, im Alter verliert man das Zeitgefühl, klopfte es erneut.

Mit der Pistole zwischen den Beinen fuhr ich zur Tür. Da ich keinen Besuch erwartete rief ich: „Wer ist da?“ Eine fast unhörbare Stimme antwortete mir:

„Ich.“

„Ich?“, fragte ich einem Echo gleich. Nach einer Pause rief ich: „Ich erwarte Niemanden.“

Sofort antwortete mir die Stimme: „Doch du hast es wohl nur vergessen, wie üblich.“

Da viel es mir ein, weshalb ich mir auch die Pistole besorgte. Ich öffnete mit müder Miene – und tatsächlich. Er war es. Der Tod.

„Komm, lass uns etwas spazieren“, lächelte er mich an. „Ich kann nicht“, resignierte ich und deutete auf meine Beine.

„Natürlich kannst du, deine Beine sind nur eingeschlafen vom ständigen sitzen an dem Tisch.“ „An dem du immer sitzt“, sagte er mit leichter Verzögerung zur vorherigen Aussage und fügte hinzu: „Vergiss nicht die Tür abzuschließen, im Sommer treiben sich hier viele Streuner herum.“

Ich schloss die Tür ab. Ich schloss die Tür immer ab. Auch da schloss ich sie ab. Nach fünf Metern blieb ich unter dem Apfelbaum stehen. Es kam mir vor, als hätte ich zu Hause etwas wichtiges vergessen. Genau die Pistole. Ich hatte die Pistole zu Hause vergessen.

Zum umkehren jedoch war der Tag viel zu schön und ich wollte jede einzelne Sekunde davon hier draußen verbringen.

„Das geht in Ordnung, du hast die Tür doch verschlossen“, unterbrach der Tod seine Gedanken. „Stimmt, Streuner gehen ja nicht in abgeschlossene Häuser“, lachte ich.

Nickend stimmte er mir zu und sagte: „Ja, Streuner sind faul.“