Flirten, Beziehung und Selbstdarstellung im Internet – „hot or not“ ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange

Die Meisten von uns haben bereits Werbebotschaften wie „…Finde den richtigen Partner…“ oder „Alle X Minuten verliebt sich ein Single…“ irgendwo im Netz gelesen oder sogar im TV gehört. Ich möchte bereits an dieser Stelle sagen, dass dies mit Sicherheit keine leeren Versprechungen sind, sondern unter Umständen lediglich aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden sollten.

Warum?

Hier ein Beispiel:

Als kleiner Junge war ich in der Grundschule unsterblich in eine Klassenkameradin verliebt. Dieser „Verlieben-Prozess“ dauerte nicht mal 10 Minuten. Natürlich habe ich ihr bis zum Ende der Grundschulzeit nie gesagt, dass ich (komischerweise) von ihrer nasalen und leicht rauchigen Art zu sprechen ganz angetan war. Etwas später hatte es mir sogar die Prominenz angetan. Ich hatte nur Augen für Alyssa Milano. Ebenfalls in weniger als 10 Minuten verschossen. Bis heute weiß sie natürlich nichts davon :D.

Das soll lediglich verdeutlichen, dass das Verlieben nicht immer auf beiden Seiten geschieht. Dennoch soll der Wissenschaftler Dr. Arthur Arons in einem Experiment einen Lösungsansatz geliefert haben womit sich zwei Menschen durch 36 gezielt strukturierte Fragen näherkommen und anschließend durch ein 4-Minütiger Augenkontakt diese Nähe gesteigert werden soll und der Funke überspringt.

In zahlreichen Tests kam es nicht immer zu dem berühmten Funken aber zumindest sagte die Mehrheit, dass dadurch eine sehr gute Freundschaft entstehen kann. Selbst bei Paaren die eigentlich nicht in deren klassisches „Beuteschema“ passten.

Dies ist für das Kennenlernen eines Menschen ein positives Ergebnis. Die Ernüchterung folgt allerdings durch die allgemein bekannte Digitalisierung. Immer mehr Paare und Freundschaften entstehen im Internet. Dies ist nicht grundsätzlich schlecht aber birgt unter Umständen die Gefahr des verzerrten Kennenlernens einer Person.

Der Grund hierzu ist ganz klar. Die virtuelle Umgebung gibt die Möglichkeit Profilangaben schön darzustellen. In der Praxis legen die User nur selten ihre Schwächen offen. Natürlich ist es bei einem wirklichen Date ähnlich da man sich nur von der besten Seite zeigen möchte. Der Unterschied liegt aber darin, dass mein Gegenüber anhand meines Tonfalls, der Körpersprache und dem Blickkontakt besser erkennen kann ob ich wirklich so bin oder nur eine Rolle spiele. Dies geschieht zwar häufig unterbewusst aber dennoch fehlt dieser Aspekt im Internet gänzlich.

An dieser möchte ich die Aspekte des Blickkontaktes aus der Studie und das Kennenlernen in der Virtuellen Welt durch eine persönliche Erfahrung verdeutlichen.

Ich war damals auf einer Plattform angemeldet und bin auf ein Profil gestoßen das lediglich das Auge dieser Frau in Schwarz-Weiß darstellte. Die Profilangaben waren nicht sonderlich auffällig. Dennoch habe ich ihr geschrieben um in das Gespräch zu kommen. Der Dialog war facettenreich und deckte fast jedes Thema ab. Von Beruf über Freizeit, Essensgewohnheiten, Familie usw. Dies ging eine relativ lange Zeit so weiter. Irgendwann verabredete man sich zu einem Kaffee. Interessanterweise wurden auch Themen mit unterschiedlichen Ansichten ruhig und ausgewogen besprochen.

Ich habe mir hier häufig Gedanken gemacht weshalb es im Allgemeinen bewusster und harmonischer war als man es üblicherweise kennt. Mittler bin ich davon überzeugt, dass es daran lag, dass das Profil selbst nicht zu viel Zeigte und man somit wirklich die Person kennen lernen durfte. Man wurde nicht durch aufwändig bearbeite Bilder manipuliert.

Genau hier sehe ich die Reibungspunkte in der Digitalisierung innerhalb von Beziehungen während des Kennenlernens. Viele bekannte Applikationen (Apps) und Partnerportale arbeiten mit sogenannten „Match-Games“. Hierbei wird lediglich ein Bild des Users gezeigt und man entscheidet darüber ob man die Person interessant / attraktiv oder uninteressant / unattraktiv findet. Natürlich spielt der visuelle Punkt zu Beginn die größte Rolle. Dennoch glaube ich, dass viele User eine Person beispielsweise positiv wahrnehmen aber dann davon abgeneigt sind, dass diese Person z. B. blaue Haare hat, ausgetragene Freizeitschuhe trägt usw.

Ich will damit auf keinen Fall sagen, dass man Abneigungen ignorieren oder gegen seine Prinzipien handeln sollte. Sich bewusst zu sein, dass man unter Umständen eine Person ablehnt, die mehr zu bieten hat als das Profil zeigt ist schon mehr als der Durchschnitt.

Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass im Internet die Erwartungen völlig falsch definiert werden. Wenn ich beispielsweise als Ziel setze den Partner fürs Leben zu finden, riskiere ich im schlimmsten Fall, dass ich mich bei Misserfolg schlecht fühle. Gehe ich hingegen davon aus, dass ich mich einfach austauschen möchte oder besser gesagt einfach etwas quatschen möchte, wird sich viel häufiger ein Gesprächspartner finden. Im Idealfall wird auch mehr daraus, wenn es beide möchten. Doch für eine nette Bekanntschaft oder ein interessantes Gespräch stehen hierbei die Chancen deutlich besser.

Wichtiger als „hot or not“ sollte sein „interesting or entertaining“.

Euch allen weiterhin viel Spaß beim Chatten